Rückblick Französische Wochen 2015

Die Französischen Wochen bilden jedes Jahr den Höhepunkt des deutsch-französischen Dialogs und Kulturaustauschs in der Region Stuttgart. In diesem Jahr fanden sie bereits zum 16. Mal statt. Vom 15. bis zum 30. Oktober 2015 bot sich den Bürgern der Stadt Stuttgart und Umgebung sowie allen Zugereisten ein vielseitiges Programm. Mit den zahlreichen Kooperationspartnern konnten über 70 Projekte umgesetzt werden, die nicht  nur in der Stuttgarter Innenstadt, sondern auch in der Umgebung Stuttgarts, unter anderem in Bietigheim-Bissingen, Fellbach und Ludwigsburg, großen Zuspruch beim Publikum fanden. Insgesamt waren geschätzte 12.000 Kunstliebhaber, Kinofreunde, Literaturbegeisterte, Musikverliebte jeglichen Alters, und auch Kinder und Jugendliche Teil der Französischen Wochen. Positive Resonanz gibt es nicht nur vom Publikum – auch die mehr als 50 Veranstalter und Künstler sind sehr zufrieden. Ob nun in einem ausverkauften Saal oder im kleinen Kreis, durch die Qualität und Vielseitigkeit der Veranstaltungen sind Publikum und Akteure zusammengerückt und haben gemeinsam interessante und bereichernde Momente erlebt. Während sich beispielsweise das Theaterhaus zum stimmungsvollen Auftaktkonzert mit Fredda über einen vollbesetzten Saal freuen konnte, sorgte das Duo Jost Costa beim Abschlusskonzert Liberté!-Freiheit! im Institut français mit ihrem vierhändigen Klavierspiel für eine ganz besondere Atmosphäre bei den rund 90 Gästen. All dies wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne das große Engagement und die intensive Bereitschaft der Akteure, der Veranstalter und aller Mitwirkenden, sich an der deutsch-französischen Interaktion zu beteiligen. 

Bereits die 
Auftaktveranstaltung stellte einen Höhepunkt der Französischen Wochen dar. 390 Gäste waren ins Theaterhaus gekommen, um Fredda, einer der aktuellen Stimmen des französischen Chansons, zu lauschen.

Das vielfältige Programm der Französischen Wochen stand auch in diesem Jahr nicht nur im Zeichen des Dialogs zwischen Deutschland und Frankreich. Im Besonderen lag der Fokus auf dem Motto „Liberté“. Die Organisatoren nahmen die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar zum Anlass, die diesjährigen Französischen Wochen dem für die französische Nation so wichtigen Grundsatz zu widmen. Unter dem Motto „J’écris ton nom – Liberté“ nach dem Gedicht von Paul Éluard näherten sich auch zahlreiche der Veranstalter dem Begriff auf individuelle Weise. Diskutiert wurde über den Begriff der Freiheit unter anderem bei Veranstaltungen wie „Europa im Spiegel der deutschen und französischen Medien“ am 21. Oktober, sowie bei der „Débat TRI-Color“ zum Thema Nationalismus am 29. Oktober. Musikalisch kam das Motto nicht nur beim gleichnamigen Abschlusskonzert zum Ausdruck, sondern auch bei Richard Gallianos Konzert in Fellbach. So nahm sich der als „Entdecker des Akkordeons im Jazz“ geltende Musiker die musikalische Freiheit, gemeinsam mit der Russischen Kammerphilharmonie eine Mischung aus traditioneller Musette und klassischem Jazz auf die Bühne zu bringen.

Das Motto bei der diesjährigen StuttgartNacht im Institut français hatte dagegen regionalen Bezug: „Frankreich aus dem Ländle“. So gab es am 17. Oktober über das ganze Institut verteilt innovative baden-württembergische Produktionen, die im Dialog mit Frankreich standen, zu entdecken. Die rund 500 Besucher erlebten einen abwechslungsreichen Abend mit Kunst für alle Sinne: Poetische Bilder bei der Finissage zu ImagineFrance, inspirierende Collagen und Arrangements von Matthias Reinhold, Akustisches in Form einer Soundinstallation der Elsässer Künstlerin Zahra Poonawala oder bei den rhythmischen Beats der Band Les Quitriche. Bei einer Weinprobe kam auch der Geschmackssinn nicht zu kurz. Ein weiteres Highlight waren die teils abstrakten, aber äußerst leidenschaftlichen Figurentheater-Performances von Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (Stuttgart), die für amüsante Momente und einen gelungenen Abend sorgten. 

Mit der Kunst des Figurentheaters beschäftigte sich auch Lucile Beaune, die einige Tage später zu Gast im Institut français war. In Begleitung ihrer Marionetten nahm sie den weiten Weg aus Paris auf sich, um in einer Petite Conférence Manipulée über ihre Begleiter aufzuklären. Im vollbesetzten Saal erklärte die selbsternannte 
Marionettenexpertin den aufgeregten Kindern zweier Schulklassen auf eindrucksvolle und amüsante Weise, welches Geheimnis sich hinter dem Wesen der Gliederpuppen verbirgt und gab ihnen hinterher sogar die Möglichkeit, selbst auf Tuchfühlung zu gehen. Bei einer zweiten Vorstellung, bei der sogar eine Dolmetscherin anwesend war, konnten sich auch Erwachsene von der Leidenschaft der Expertin anstecken lassen.

 

Darüber hinaus gab es während der Französischen Wochen weitere spannende Programmpunkte mit interkulturellem Bezug für Kinder und Jugendliche. So konnten schon die Kleinen etwas über die Vergangenheit lernen: Im Haus der Geschichte begaben sie sich auf deutsch-französische Spurensuche, erfuhren so Näheres über Kaiser Napoleon und konnten im Anschluss noch eine deutsch-französische Flagge basteln. Im Rahmen des Projekts „Freude am Lesen“ der Deutsch-Französischen Grundschule Sillenbuch und einem Bücherflohmarkt konnten Groß und Klein ihre Leidenschaft für deutsche und französische Bücher entdecken.

Die deutsch-französische Spurensuche war auch für Erwachsene durchaus interessant: Bei einer Führung öffnete das Hauptstaatsarchiv seine „Schatzkammer“, also die sonst nicht zugänglichen Magazine und verschaffte den Besuchern Einblicke in die rund 25 Kilometer Archivgut und spannenden Dokumente aus über 600 Jahren württembergisch-französischer Geschichte.


©Bickhoff/Hauptstaatsarchiv
©Bickhoff/Hauptstaatsarchiv

Ob bei einem herbstlichen Literaturspaziergang oder beim Leseklub im Institut français, bei dem pünktlich zur Rentrée littéraire die Neuheiten des französischen Buchmarktes vorgestellt und besprochen wurden – auch die Literaturinteressierten Stuttgarter kamen während der Französischen Wochen nicht zu kurz. Als literarisches Highlight kann mit Sicherheit auch die Lesung von Patrick Deville im Literaturhaus bezeichnet werden. Der preisgekrönte und vielgereiste Autor las aus seinem aktuellen Buch Kampuchea, in dem er eine gesellschaftliche Analyse der Geschichte Indochinas, ausgehend von den Prozessen der Roten Khmer im Jahr 2014 bis zurück ins Jahr 1860, mit seinen eigenen subjektiven Reiseerfahrungen verknüpft. Mit einem literarisch-musikalischen Programm der etwas anderen Art begeisterte das Streicherduo Gallis, begleitet von einem Sprecher und einer Schauspielerin, unter dem Titel 1939-1945: Leben und Überleben durch die Musik. Mit Leidenschaft und Hingabe verknüpften die jungen Künstler musikalische und literarische Hinterlassenschaften von Komponisten, die im zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft waren oder verfolgt wurden, und boten den Zuhörern so interessante Einblicke in deren Leben.

Dass Musik in all ihren Facetten ein Genuss ist, zeigten nicht nur die gut besuchten Konzerte im Institut français, sondern auch die, die außerhalb stattfanden: Richard Galliano lockte an zwei Abenden je mehr als 700 Besucher nach Fellbach, während die junge Elsässerin Juliette Brousset mit ihrer Chanson-Jazzgruppe Moi et les autres und Liedern aus ihrem aktuellen Album „Bio“ den Saal des Renitenztheaters füllte. Schon länger im Geschäft und eine Garantin für einen Abend mit chansons à la francaise ist zweifellos Maria Bill. So begeisterte sie auch die Stuttgarter mit ihrem Programm Bill singt Edith Piaf im vollen Saal des Renitenztheaters.

Ob in Form von Collagen, Fotografien oder auch in experimenteller Form unter Einbezug der neuen Medien –  für Kunstinteressierte gab es während der Französischen Wochen jede Menge zu entdecken. Im Institut français gab es gleich zwei Ausstellungen: Anlässlich der Retour de Paris N°87 von Matthias Reinhold konnten die Besucher bis in den hintersten Winkel der Räume farbenfrohe Collagen und Arrangements entdecken. Etwas ruhiger und sehr poetisch gestaltete sich die Ausstellung ImagineFrance von Maia Flore, die in ihren Fotografien bekannte Kulturstätten Frankreichs neu in Szene setzte. Ein Stück weit experimenteller und abstrakter drückte sich hingegen die Künstlerin Marianne Mispelaëre in ihren Werken zum Thema Sprache und deren Interpretation in ihrem weitesten Sinne aus, die unter dem Titel You know what I don’t tell – ce que je ne dis pas, tu le sais  in der Gedok zu sehen waren. Ein zweites Mal vertreten war die Künstlerin mit den Pétrole Éditions, die das Medium des Magazins als einen Ort der Bildenden Kunst verwenden. Unter dem Titel Station. To come back, to translate, to read again präsentierten Marianne Mispeläere, Audrey Ohlmann und Nina Ferrer-Gleize ihre Arbeit anhand zweier Ausgaben des Magazins TALWEG. Nicht zu vergessen ist auch Demian Bern – seine Retour de Paris ist zwar schon eine ganze Weile her, doch im Rahmen der Französischen Wochen stellte der Stuttgarter Künstler die dazugehörige Publikation Pension livrée vor, ein weiteres künstlerisches Produkt, das seine Arbeit dokumentiert.

 



©Pétrole Éditions
©Pétrole Éditions

Doch nicht nur in Stuttgart, auch außerhalb waren verschiedene Veranstalter, Akteure und Freiwillige mit Elan an den Französischen Wochen 2015 beteiligt: in Fellbach wurde neben einem Wissenschaftsgespräch zur Gegenüberstellung der politischen Folgen des Ersten Weltkriegs in Frankreich und Deutschland, mit der Filmvorführung der Komödie Heute bin ich Samba und der gleichnamigen Lesung in der Fellbacher Stadtbücherei, das aktuelle Thema der Migration aufgriffen. In Bietigheim hingegen schien sich das Motto „Spaziergang“ wie ein roter Faden durchs Programm zu ziehen – so gab es eine französische Stadtführung durch die Altstadt, eine imaginäre Tour de France, bei der die Geschichtenerzählerin Odile Néri-Kaiser die Besucher mit Märchen und Mythen aus der Provence bezauberte, sowie einen musikalisch-kulinarischen Ausflug durch Paris mit Vincent Klink und Patrick Bebelaar. Nicht nur über Essen geredet, sondern auch gekocht wurde in Stuttgart: bei einem von der VHS Stuttgart organisierten Kochabend bereiteten die Teilnehmer verschiedene Gerichte aus den ehemaligen Kolonien Nordafrikas zu.

©Wittmann

Beendet wurden die Französischen Wochen 2015 am 30. Oktober mit dem Abschlusskonzert Liberté! – Freiheit! im Institut français Stuttgart. In einem sorgfältig ausgewählten Programm griff das Duo Jost Costa nochmals das Motto der Französischen Wochen auf. Die Interpretation der Stücke von Debussy, Satie und Stravinsky – die ihrerseits stets auf der Suche nach der Freiheit des musikalischen Ausdrucks waren –  und ihr vierhändiges Klavierspiel boten den 90 Gästen nicht nur akustisch, sondern auch visuell ein außergewöhnliches Erlebnis. Wobei der letzte Ton noch lange nicht das Ende des Abends bedeutete: Im Anschluss an das Konzert präsentierte Demian Bern seinen Katalog Pension livrée, die Dokumentation seiner Retour de Paris. In kleinerem gemütlichen Rahmen erzählte der Künstler von der Entstehung, seiner Inspiration und gab Einblicke in sein tägliches Schaffen. Später ließen er und alle anderen Tanzbegeisterten den Abend beim Soirée DJ mit DJ Nico from Nôze im Club Freund + Kupferstecher ausklingen. Ein wundervoller und mindestens genauso vielfältiger Abend wie die gesamten Französischen Wochen 2015, von denen in diesem Rückblick bei Weitem nicht alles berichtet wurde!


 

Das Institut français Stuttgart dankt allen Veranstaltungspartnern und allen Akteuren für ihre vielfältigen Projekte und Ideen, die auch in diesem Jahr ein ausgesprochen buntes Veranstaltungsprogramm der Französischen Wochen ermöglicht haben.

Unser Dank gilt insbesondere den Unterstützern des Projekts, der Stadt Stuttgart für die erfolgreiche Zusammenarbeit, der Eisele Stiftung, der Firma Würth, der Firma CreditPlus Bank AG, Herrn Dr. h.c. Michael Klett, unserem Partner Lift sowie unseren weiteren Medienpartnern und den zahlreichen weiteren Sponsoren und  Förderern.

Wir freuen uns auf eine weiterhin so erfolgreiche und angenehme Zusammenarbeit und laden auch neue Partner, Interessierte und Akteure ein, Ihre Vorschläge bei uns einzureichen unter: franzoesischewochen.stuttgart@institutfrancais.de.

Bis zum nächsten Jahr!