Rückblick Französische Wochen 2014

 

Die Französischen Wochen bilden jedes Jahr den Höhepunkt des deutsch-französischen Dialogs und Kulturaustauschs in der Region Stuttgart. Dieses Jahr fanden sie nun schon zum 15. Mal statt und boten vom 09. bis zum 24. Oktober ein vielseitiges Programm für die Bürger der Stadt Stuttgart und Umgebung sowie für alle Zugereisten. Über 60 Projekte konnten mit den zahlreichen Kooperationspartnern umgesetzt werden und fanden dabei nicht nur in der Stuttgarter Innenstadt, sondern auch in der Umgebung Stuttgarts, unter anderem in Bietigheim-Bissingen, Fellbach und Backnang, großen Zuspruch beim Publikum. Ob unterhaltsam, feierlich oder anspruchsvoll – für jeden war etwas Passendes dabei. Insgesamt wurden so circa 15.000 Kunstliebhaber, Kinofreunde, Literaturbegeisterte, Musikverliebte, Kinder und Jugendliche und alle, deren Herz für Frankreich und die französische Kultur schlägt, Teil der Französischen Wochen. Nicht nur vom Publikum gibt es positive Resonanz, auch die mehr als 50 Veranstalter und Akteure sind sehr zufrieden. Ob nun in einem ausverkauften Saal oder im kleinen Kreis – dank der Qualität und Vielseitigkeit der Veranstaltungen sind Publikum und Akteure zusammengerückt und haben gemeinsam bereichernde Momente erlebt.

Bereits die Auftaktveranstaltung im Theaterhaus stellte einen von vielen Höhepunkten der Französischen Wochen dar. In zwei Teilen wurden von zwei verschiedenen Künstlergruppen unterschiedliche Spektakel angeboten. Das Ensemble Théâtre de Romette hauchte in ihrem Programm KRAFFF einer Puppe aus Papier Leben ein. Diese strebte danach, die anmutigen Bewegungen des Menschen nachzuahmen und begab sich auf die Suche nach ihrem eigenen Stil. Fließende Bewegungen und Übergänge sowie Timing waren auch bei der Präsentation der Kleinkünstler von Stereoptik gefragt. Verschiedene Materialien kamen zum Einsatz, persönliche Filmaufnahmen von französischen Urlaubern, die ihre Congés Payés genießen, untermalt von Live- oder Schallplattenmusik, verziert mit Pinselstrichen und Lichteffekten. Die Zuschauer konnten dabei zusehen, wie auf der Bühne eine kleine Geschichte entsteht.

 

Eröffnet vom Leiter des Institut français Allemagne Emmanuel Suard, vom Direktor des Institut français Stuttgart und Generalkonsul Frankreichs Nicolas Eybalin und von Frau Dr. Birgit Schneider-Bönninger, Leiterin des Kulturamts Stuttgart, war der Auftakt ein vielseitiger Abend, der alle Sinne ansprach und damit das anstehende Programm der Französischen Wochen widerspiegelte. Die über 300 Zuschauer waren überwältigt von der besonderen Mischung aus Tanz, Figurentheater und Kreativität der Künstler. Freudig angeregt war die Stimmung im Theaterhaus: die Französischen Wochen 2014 durften beginnen!

Das vielfältige Programm der Französischen Wochen stand auch in diesem Jahr nicht nur im Zeichen des Dialogs zwischen Deutschland und Frankreich, der Fokus lag auch auf dem interkulturellen Austausch. Akteure verschiedenster Nationalitäten nahmen die Zuschauer mit auf eine Reise in ferne Länder. Von der Ethio-Jazz Band „Arat Kilo“, die die Gäste der StuttgartNacht mit ihren äthipischen Rhythmen zum tanzen brachten oder bei der Filmvorstellung „Haïti – la voix de la conteuse“, bei der sowohl Frankophone als auch Deutsche gespannt dem französischen Dokumentarfilm über die Erzählerin „Mimi“ folgten und danach gemeinsam in entspannter Atmosphäre über den Film und über die aktuelle Situation in Haïti diskutierten. Auch Scholastique Mukasonga, die am 17. Oktober ihre Buch „Notre-Dame du Nil“ in der Stadtbibliothek vorstellte, moderiert von Adrienne Braun, lies die Zuhörer Einblicke in ein fernes Land gewinnen. Die aus Ruanda stammende Schriftstellerin und Preisträgerin des Prix Renaudot 2012 las Textstellen aus ihrem Buch, das die Geschichte von einem Mädcheninternat in Ruanda erzählt, und beantwortete dem gemischten Publikum alle Fragen zu einem doch sehr heiklen Thema des Genozid und des Verhältnisses zwischen den Ethnien in diesem Land, welches im Roman ebenfalls eine Kernrolle spielt. Literaturinteressierte durften auch bei der Lesung „Nackt“ – Gespräch mit Jean-Philippe Toussaint und Joachim Unseld den preisgekrönten Autor aus Belgien live erleben. Joachim Unseld übersetzte die von Tobias Grauer gelesenen Ausschnitte aus dem Roman „Nue“, in welchem Jean-Philippe Toussaint die Geschichte über Marie fortsetzt und angeblich, so behauptet er es jedenfalls, beendet. Wir dürfen gespannt bleiben!

 

Interkulturell ging es auch bei der Diskussion zum Thema „Die Zukunft des Verlagswesens im Zeitalter der Digitalisierung“ zu. Vier Vertreter aus europäischen Verlagen diskutierten mit einem begeisterten Publikum, das sich aktiv mit Fragen und Sichtweisen an dem Diskurs beteiligte. Die Veranstaltung wurde vom EUNIC-Cluster Stuttgart organisiert und bot somit die Möglichkeit, jeweils einen Vertreter von Il Mulino (Bologna), Gallimard (Paris), Covina (Budapest) und Klett-Cotta (Stuttgart) zu anregenden Diskussionen einzuladen.

In Sachen Kunst gab es auch dieses Jahr ein großes Angebot an internationalen Künstlern. Von klassichen Ausstellungen wie rot und weiss – le rouge et le blanc in der Stadtteilbücherei in Vaihingen bis zu etwas gewagteren Formaten wie der INTERKULTUR FOTO ART, bei der man den deutsch-französischen Dialog der Künstler erleben konnte und zwar im öffentlichen Raum. Fotografien von deutschen und französischen Fotografen wie Marie Hudelot, Nathalie Mohadjer, Pia Schweisser oder Hortense Soichet wurden als Parcours im Stuttgarter Süden ausgestellt. Für die Besucher wurden Führungen zwischen den Ausstellungsorten Marienplatz und Erwin-Schöttle-Platz angeboten. Das Besondere dabei war die Größe und das Erlebnis der Kunst im öffentlichen Raum, wovon bereits bei der Vernissage in der Weinhandlung Kreis viele Interessierte angezogen wurden, die sich dort mit Wein und Maultaschen stärken konnten. Ein besonders geselliges Kunsterlebnis!

 

 

Um Kunst ging es auch in der GEDOK-Galerie bei Schweigen ist Punk von der Straßburgerin Künstlerin Audrey Ohlmann. Claude Horstmann, Künstlerin aus Stuttgart, führte in ihrer Begrüßungsrede in die Arbeit zum Thema Sprache, Verlag und Ästhetik ein und machte bereits hier die Subtilität des Vorgehens der französischen Künstlerin Audrey Ohlmann deutlich. Letztere ist auch die Mitbegründerin von Pétrole Édition, dessen gleichnamige Veranstaltung am darauffolgenden Tag im Institut français Stuttgart stattfand. Bei der Arbeit des Verlegens trifft Textlinguistik auf Ästhetik. Etwa wie ein Kunstmagazin entsteht zeigten die jungen Künstlerinnen aus Straßburg und konnte bei den Teilnehmern Begeisterung für die Verlagskunst hervorrufen. Trotz ihres jungen Alters konnte sie viele Künstler zu einer Zusammenarbeit bewegen.

 

Nicht nur in Stuttgart, auch außerhalb waren verschiedene Veranstalter, Akteure und Freiwillige mit Elan an den Französischen Wochen 2014 beteiligt wie etwa bei der französischen Stadtführung durch die Altstadt Bietigheim. Der Vortrag im Stuttgarter Rathaus Maultaschen und Ravioles: Wie ein Regionalprodukt national und international vermarktet wird verband zudem Regionales mit Französischem und ließen auch die Kulinarik nicht außer Acht. Selbst Hand anlegen konnte man im Feinschmecker-Paradies Provence in der Volkshochschhule Stuttgart am zweiten Veranstaltungsmontag.

 

Ein besonderes Highlight dieser zwei Wochen war die StuttgartNacht. Seit diesem Abend dürfte der Begriff Ethio-Jazz jedem Besucher des Institut français ein Begriff sein. Die Pariser Band „Arat Kilo“ brachte die Gäste in Tanzstimmung. Ihre Klänge sind inspiriert von äthiopischen Melodien und Rhythmen mit Einflüssen des Soul und Funk, bei denen auch der Letzte im Publikum die Beine nicht still halten konnte. Ihr Sound erklang bis über den Berliner Platz, von welchem aus die Gäste schließlich auch die Lichtinstallationen mit dem Titel La boussole des Straßburger Künstlers Antoine Lejolivet bestaunen konnten,  für die stündlich das Gebäude verdunkelt wurde und bei welchen das Institut selbst zu Kunst wurde. Im Erdgeschoss des Institut français Stuttgart wurden außerdem Zeichentrickfilme (fast) ohne Worte gezeigt und besetzten nicht nur alle Canapés der Mediathek, sondern brachten Vorbeigehende dazu, am Fenster stehen zu bleiben. Ein gelungener Abend!

 

Nicht nur Programmpunkte wie die Filmvorführung  Joyeux Noël / Merry Christmas, veranstaltet vom Verein der Freunde des Institut français Stuttgart am 15. Oktober, oder Führung durch die Ausstellung „Fastnacht der Hölle“ - Deutsch-französische Kriegswahrnehmungen im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, standen im Zeichen des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg. Auch die vielen Zuschauer bei Nouvelles du Front vom 22. Oktober, die den Veranstaltungsraum im 4. Stocks des Instituts füllten, zeugten von dem großen Interesse am Thema Erster Weltkrieg und insbesondere daran, das Thema aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. In der szenischen Lesung von Feldpostbriefen wurde den Zeilen aus Briefen und Tagebuch-Einträgen von Soldaten durch den Sprecher Tobias Grauer und den Schauspieler David Grimaud auf der Bühne eine Stimme gegeben. Den Zugang zu diesen intimen Schriften ermöglichte die Bibliothek für Zeitgeschichte der Württembergischen Landesbibliothek. Zum ersten Mal gelangen diese Dokumente an die Öffentlichkeit. Dank der Unterstützung der Musikhochschule Stuttgart konnte die musikalische Gestaltung von Anaïs Sarkissian (Sopran) und Roland Hagemann (Klavier) dem Abend eine ganz besondere Stimmung verleihen. Die über 70 Zuschauer waren ergriffen von der intensiven Art, in der die Briefe vorgetragen wurden, wie eine begeisterte Zuschauerin, die dem Organisationsteam am nächsten Tag mitteilte: „Die Auswahl der Künstler, der Lieder und der Briefe sowie die Präsentation fand ich exzellent. Sie haben mir eine weitere Vorstellung von der Zeit des Ersten Weltkriegs vermitteln können. Wahrscheinlich ging es anderen Gästen ebenso.“ Der Bürger von heute erhielt einen Einblick in das Alltags- und vor allem in das Gefühlsleben der jungen Soldaten, sei es auf deutscher oder auf französischer Seite. Dieser bewegende Abend leistete zusätzlich einen entscheidenden Beitrag zur in der Débat tri-color geführten Diskussion um die Frage „Kann es ein europäisches Gedenken an den Ersten Weltkrieg geben?“, jenseits der abstrakten Zahlen und Fakten, etwa zum wirtschaftlichen oder geographischen Verlust der Streitkräfte. Einig waren sich die Referenten und der Moderator in dem Punkt, dass die beteiligten Länder auf unterschiedliche Art und Weise an den Ersten Weltkrieg gedenken, doch das Jahr 2014 als Gedenkjahr unwahrscheinlich wichtig ist für das Bewusstsein aller Länder.

 

 

Auch in Sachen Musik haben die Französischen Wochen fast alle Wünsche erfüllen können. Neben einem klassischen Klavierkonzert auf einem Doppelflüger des Duos Jost Costa bei La Grande Guerre en musique im Fruchtkasten im Haus der Musik, gab es natürlich Chanson-Klassiker, zum Beispiel von Virginie Schäffer, die im Renitenztheater sowohl Welterfolge von Edith Piaf und Gilbert Bécaud, als auch eigene Lieder präsentierte. Ein Highlight war auch der Auftritt von Maria Bill singt Edith Piaf im Renitenztheater am 17. Oktober vor einem ausverkauften Saal. Die ausgewählten Chansons verband Maria Bill, die österreichische Schauspielerin und Sängerin, miteinander, indem sie kleine Anekdoten aus dem Leben Edith Piafs erzählte, oder erklärte, in welchem Kontext das jeweilige Lied entstanden ist. Somit zog sich ein roter Faden durch den Abend. Prägnant, interessant, emotional und auch dramatisch, als „Mon Dieu“ zum tragischen Tod des Liebsten von Edith Piaf ertönte. Der Klassiker „Non, je ne regrette rien“ durfte aber auch nicht fehlen sowie „Milord“, dessen Rhythmus das Publikum nicht stillsitzen ließ. Maria Bill erhielt unter anderem die Kainz-Medaille der Stadt Wien. Sie füllte dank ihres großen Temperaments den Saal mit ihrer Präsenz und harmonierte perfekt mit dem Akkordeon-Spieler, der eine Ambiance erzeugte, die französischer nicht hätte sein können –als würde man am Ufer der Seine spazieren gehen.

Auch auf den großen und kleinen Bühnen in Stuttgart gab es viel zu sehen. An Klassiker angelehnte Stücke wie und kreative Neuinszenierungen begeisterten die Zuschauer. „Bühne frei!“ hieß es auch für die Jüngeren, bei Tous en scène!, einem Theater-Workshop mit der Theaterpädagogin Virginie Bousquet, der an einem Samstagnachmittag im Institut français Stuttgart stattfand und bei den jungen Schauspielinteressierten derartig auf Begeisterung stieß, dass das Institut ihn nun monatlich für die etwas Größeren, für Jugendliche und Erwachsene anbieten wird. Wer Zuschauer bleiben wollte, konnte sich beim Kinoklub für Kinder den Film Le Jour des Corneilles ansehen und nebenher ein bisschen naschen.

Beendet wurden die Französischen Wochen 2014 mit einem Abschlusskonzert von Riccardo del Fra Quintet am 24.10. im Theaterhaus: nicht nur mit Humor und Charme verzauberte der Bassist bei „My Chet, my Song“ seine Zuhörer, zusammen mit den deutschen und französischen Musikern an Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Trompete entstand eine intime und gelassene Atmosphäre, in die aus dem Publikum Jubel und begeisterte Rufe eingeworfen wurden. Ein wundervoller Abend und ein würdiges Ende der Französischen Wochen 2014, von welchen in diesem Rückblick bei Weitem noch nicht alles berichtet wurde!

Das Institut français Stuttgart dankt allen Veranstaltungspartnern und allen Akteuren für ihre vielfältigen Projekte und Ideen, die auch in diesem Jahr ein ausgesprochen buntes Veranstaltungsprogramm der Französischen Wochen ermöglicht haben.

Unser Dank gilt insbesondere den Unterstützern des Projekts, der Stadt Stuttgart für die erfolgreiche Zusammenarbeit, der Eisele Stiftung, der Firma Würth, der Firma CreditPlus Bank AG, Herrn Dr. h.c. Michael Klett, unserem Partner Lift sowie unseren weiteren Medienpartnern und den zahlreichen weiteren Sponsoren und  Förderern.

Auf eine weiterhin so erfolgreiche und angenehme Zusammenarbeit freuen wir uns und laden auch neue Partner, Interessierte und Akteure ein, Ihre Vorschläge bei uns einzureichen unter: franzoesischewochen.stuttgart@institutfrancais.de.

Bis zum nächsten Jahr!